Logbuch 3:

Planlos – Ein Reisebericht.

Veröffentlicht am 22. Mai 2015

Von Moritz Schwertner (Text & Fotos)

Mein Telefon klingelt. Der andere Moritz ist am Hörer. Was ich am langen Wochenende vor hätte, fragt er. Bisher noch nix, antworte ich. Hab’ sogar bis einschließlich Montag Pause von der Uni, gebe ich zu Protokoll. Wie aus der Pistole geschossen schlägt er dann eine gemeinsame Pfingsttour vor. Wohin? Keine Ahnung. Hauptsache gen‘ Süden. Hinter München will er dann entscheiden, ob wir nach Italien tuckern, mit österreichischen Alpenpässen unsere Reifen rund fahren oder den Sprung nach Nordspanien an die Küste wagen wollen. Geld spielt für die fünf Tage eine eher untergeordnete Rolle. Wie teuer kann so eine viertägige Pfingsttour schon werden?

Für morgens um neun verabreden wir uns. Eilig schmeiße ich ein Zelt in die guten alten Hartschalen-Koffer, Isomatte und Schlafsack werden hineingequetscht, die Fotoakkus geladen. Schon bin ich bereit für allerlei motorisierte Schandtaten. Hauptsache wir kommen raus und nutzen die Handvoll Urlaubstage aus, die uns zur Verfügung stehen. Als Notration dient eine Dose Ravioli, ein paar Flaschen Wasser sollen den fehlenden Toilettengang am Morgen nach dem Wildzelten erträglich machen. Das war‘s dann auch schon mit der Urlaubsausstattung. Ein letzter Blick auf Ölstand, Luftdruck, und andere Offensichtlichkeiten. Bei fiesem Nieselregen brechen wir auf in Richtung München.

600 Kilometer Autobahn, kurz die 44, dann lange die 45, A3 und schließlich A9. Et voilá: München. Nur wohin jetzt? Die Wetter-App meldet Land unter in den Dolomiten, auch die Vorhersage für Nordspanien sieht düster für diese Jahreszeit aus. Also erst einmal durch halb Österreich, rüber nach Slowenien: Kranjska Gora. Die kleine Stadt mitten im Dreiländereck, empfohlen von einer gemütlich ausschauenden Gruppe Motorradfahrer an einer Tankstelle, wird als neuer Fixpunkt auf unserer Reise der Marke Planlos festgelegt.

Im Eiltempo geht‘s durch Österreich, vorbei an malerisch ausschauenden Seen, immer gejagt von dunkelgrauen Wolken. Andauernd müssen wir wegen Regengüssen pausieren und unsere Regenkondome wieder anziehen, nur um sie ein paar Kilometer später wieder wegen strahlendem Sonnenschein und sich stauender Hitze auszuziehen.

Wir sind gerade dabei, uns herrlich im Kurvengeflecht der Alpen zu verlieren, als wir abrupt zu stehen kommen. Der Weg ist versperrt. Das Navi behauptet, hier warte eine Fähre auf uns. Vor uns eine Schlange Bürgerkäfige, angeführt von einer Handvoll Biker. Mit großen Fragezeichen über den Helmen schummeln wir uns zu den anderen Zweirädern nach vorne. „Wohin es hier geht?“ wiederholt man lachend. „Na, durch den Tauerntunnel, tiefer ins Alpengebiet.“.

Malerisch: Der Schlafplatz am nächsten Morgen.

Ein wenig stutzig macht uns nach der unfreiwilligen Bahnfahrt der Schnee, der noch oberhalb 1.500 Meter liegt – und wohl laut Wetterbericht und Aussage der Bahnbegleiter die Nacht über noch Gebietsweise fallen kann. Pässe frühstücken ist also nicht drin, beschließen wir. Wohin dann? Wieder flammt Kranjska Gora bei der Routenplanung auf. Weit ist es auch nicht mehr, sagt das Navi.

Auf einer verlassenen Wiese, noch ein gutes Stück vor dem eigentlichen Tagesziel Villach, finden wir unseren Zeltplatz für die plötzlich hereinbrechende Nacht. Geschützt von mehreren Bäumen und umgeben von kniehohem Gras bauen wir unser gemeinsames Zelt in der Dunkelheit auf. Unter dem mittlerweile sternenklaren Himmel schmecken dann auch die kalten Dosenravioli. In der Eile haben wir Hirnis den Gaskocher in der Garage liegen lassen…

In aller Herrgottsfrühe werden wir von der Hitze im Zelt geweckt. Die Nacht war frostig frisch, mein Schlafsack glich trotz Nachts wieder angezogener Motorradkombi einer Eiskammer. Entsprechend unausgeschlafen wirke ich beim zusammenpacken. Schnell die Zähne putzen, Katzenwäsche mit den letzten Wasserreserven und ab in die frische Unterhose. Wir geben uns Mühe unsere Spuren möglichst gründlich zu beseitigen und tingeln um Punkt neun in Richtung Dreiländereck.

Der legendäre Wurzenpass wartet nach einer kurzen Warmlaufphase der Bikes darauf, von uns geentert zu werden. Doch zu früh gefreut: Viel ist aus jahrzehntelanger Flickenteppicharbeit nicht über. Elendig viele Schlaglöcher zerstören uns jede rabiat angebremste Kurve. Zum Glück wird’s direkt im Anschluss besser. Der slowenische Teil der Alpen ist super ausgebaut, der Asphalt teilweise flammenneu. Kranjska Gora im Tal durchfahren wir nur, wir haben Bock auf Größeres: den Triglav Nationalpark im anliegenden Gebirge.  Im Sonnenschein erklimmen wir das Massiv.

Nach sehr unterhaltsamer Kurvenräuberei oben angekommen genießen wir für ein paar Sonnenminuten das überwältigende Alpenpanorama vor uns. Ein paar Touristen fragen uns neugierig, wohin es uns treibt, als wir auf dem Plateau auf knapp 2.000 Meter über Null parken. Wir antworten wahrheitsgemäß das wir es nicht wüssten. Was meist erstaunlich anerkennend aufgenommen wird.

Die Route ab Bad Feilnbach:

Stilecht: Unterm Sternenhimmel pennt es sich einfach am besten.

Vom Triglav hinabgestiegen halten wir in einem kleinen Dorf hinter dem Naturreservat und holen unser Frühstück nach. In der milden, mittlerweile frühsommerlichen Mittagssonne schlürfen wir koffeinhaltige Getränke, bringen unseren Zuckerhaushalt mit slowenischen Nutella in Ordnung. Und für den großen Hunger schneidet mein Namensvetter dicke Stücke einer frisch erworbenen Dauerwurst ab.

Die Frage nach dem Wohin schießt mal wieder durch den Schädel. Die Karte sagt, wir sollten in Richtung Tolmin, besser noch nach Triest in Italien fahren. Laut Berechnungen des Navis ist das heute sogar noch zu schaffen. Das Wetter meint es ebenfalls gut mit uns. Und mit etwas Glück könnte man sogar weiter fahren, vielleicht sogar in Richtung Kroatien, Ecke Rijeka. Egal: Hauptsache, wir kriegen etwas Meer zu Gesicht. Nach der Stärkung rasen wir wieder los, dieses Mal in Richtung Norditalien.

Landschaftlich bietet Slowenien auf dem Weg dorthin, eingepfercht zwischen eben jenem Italien, Österreich, Slowenien und Ungarn, einiges zum Staunen. Kilometerbreite Täler, die wie ausgetrocknete Fjorde aussehen, gesprenkelt von riesigen Hügeln und Bergen. Und meist ist man umgeben von einer Kulisse, die einem Disney-Zeichner durchaus mal aus seiner Kreativen Nullzone geholfen haben könnte. Geradeaus geht’s in Slowenien hingegen kaum: Man kann bei ausgiebigen Tagestouren durchaus dem Kurvenwurm erliegen. Oder um’s geläufiger auszudrücken: Wer hier lebt, fährt seine Motorradreifen wohl nie eckig. Die Flusslandschaften, mal glasklar, mal trüb bläulich, aber immer eiskalt, ist nicht ohne Grund ein renommierter Ankerpunkt für Wassersportler verschiedener Couleur.

Brücken zu queren, unter denen Schmelzwasser her rauscht, und die Wassersportler herunter rasen, finden sich daher zu Hauf. An einer dieser Schneisen halten wir an, nehmen eine Kaffeetasse mit, und genießen das süßlich schmeckende Schmelzwasser des letzten Winters. Glasklar reißt es an den kalkweißen Steinen.

Aber wir hatten uns ja Triest als Ziel gesetzt – und sind bei der Ankunft etwas enttäuscht vom etwas trostlosen Norden Italiens. Das Navi schlägt wegen des installierten Blitzeralarms permanent aus, die bekanntermaßen unvernünftig fahrenden Italiener lassen uns teilweise übervorsichtig agieren. Die Rennleitung soll uns am besten nicht zu sehen bekommen, denn man weiß ja, wie streng die Italiener mit internationalen Temposündern ins Gericht gehen.

Nahe des Hafens finden wir einen kostenlosen Parkplatz für die Mopeds und hüpfen in die noch noch nicht wieder gänzlich aufgetaute Adria. Kurz drauf verabschiedet sich einmal mehr die Sonne. Mit nasser Unterhose geht‘s wieder rein in die Kombi, wieder zurück nach Slowenien, die gleiche Strecke, nur eben retour.

Einen Campingplatz finden wir auf unserer Planlos-Tour nicht, die erste Wind und Wetter geschützte Station lassen wir, wegen des nicht anwesenden Inhabers, sausen. Über unbefestigte Straßen fahren wir weiter eine wunderschöne Hügellandschaft hinauf. Lediglich die Bezeichnung „Koranada“, die auf mehreren Schildern prangert, lässt uns auf ein kleines Dörfchen schließen. Weit gefehlt, wie wir etwa 10 Kilometer weiter feststellen.

Ausblicke wie diesen findet man in Slowenien wirklich an jeder Ecke.

Eine große Wiese, umgeben von einem dünnen Zäunchen, ein paar Meter daneben ein kleiner verlassener Wohnwagen neben einer winzigen Feuerstelle. So beginnen sonst klischeehafte Horrorfilme. Und hier sollen wir pennen? Mein Kumpel ist davon jedenfalls fest überzeugt. Ich bin naturgemäß skeptisch. „Warte mal“, sage ich. „Ich fahr‘ mal den Hügel dort hoch. Vielleicht lebt da oben ja wer.“. Die TDM macht mit ihrem Ex-Weltbummlermotor jedenfalls auch auf der folgenden Schotterpassage eine gute Figur, notiere ich später in mein Fahrtenbuch. Oben angekommen wartet dann auch schon der Horror-Eremit aus meinen schlaflosen Nächten. Mit einer Axt in der Hand winkt er mir aus sicherer Fluchtdistanz zu und schlendert seelenruhig in meine Richtung. Todesmutig stelle ich mich vor, frage ihn, ob er Deutsch, Englisch oder gar Französisch versteht. Er könne nur Slowenisch oder Italienisch, gibt er zu verstehen und setzt seine Axt mühelos in einen Baumstumpf.

Mit Händen und Füßen frage ich, ob wir unten auf der Lichtung Zelten dürfen. Kein Problem, verstehe ich. Beim Runterfahren folgt er mir, schließt uns seinen zu einer Bar umgebauten Wohnwagen auf, um unsere Sachen vor dem aufziehenden Mistwetter zu schützen und über Nacht etwas zu trocknen. Selbst die Markise holt er raus, um unser Zelt wettersicher zu machen. Noch ist davon aber nur in weiter Ferne etwas zu erahnen. Nachdem auch unsere Versuche Feuer zu machen missglücken, bringt er uns slowenisches Bier, trockenes Holz und einen Grillanzünder mit. Und siehe da: Studenten machen Feuer. Wir Idioten haben nicht einmal an Papier dafür gedacht.

Eine Broschüre drückt er uns auch in die Hand. Der Eremit ist eigentlich Besitzer eines beliebten Ausgangspunktes für Wanderer. Wer sich vorher anmeldet, der kann sich nach erledigtem Fußmarsch von ihm zünftig bekochen lassen. Wir hingegen begnügen uns für den Abend mit abgepackten Supermarkt-Frikadellen.

Diese Szenerie stünde wohl auch Motor-Mama Super Ténére gut zu Gesicht.

Der Morgen begrüßt uns mit leichtem Regen und neugierigen Kühen. Bei Zeiten, so nehmen wir uns vor, müssen wir uns für seine Gastfreundschaft unbedigt bedanken. Mit genussreichem deutschen Bier vielleicht. Als wir losfahren, steht unser Eremit oben auf seinem Hügel und winkt uns noch, bevor er im Rückspiegel verschwindet. Diesmal jedoch ohne Axt in der Hand. So dürften Horrorszenarien gerne öfter ausklingen.

Ziel für heute: Tolmin, dann in einem feinen, kleinen Restaurant auf der Bundesstraße nach Postojna in einem Restaurant-Geheimtipp Burger futtern. Weiter durch Ljubliana. Dann wollen wir wieder weitersehen. Der Weg über die Landstraße führt uns interessanterweise nicht nur über den sonst vorzüglichen slowenischen Asphalt, sondern überrascht auch mit einigen ungeteerten Passagen. Laut Navi gehört die Route immer noch zur Bundesstraße, sicher sind wir uns aber mangels Schilder und Gegenverkehr nicht. Denn bis auf einen Quadfahrer sind wir kilometerlang die einzigen Passagiere. Zu unserem Pech schlägt alsbald auch wieder das Wetter um.

Der Trip nach Ljubliana entpuppt sich schnell als absoluter Reinfall. Der Plan beim Mittagessen, von dort aus nach Graz zu fahren, ist über Landstraße nicht möglich. Wir müssten eine Mautplakette kaufen, und dazu sind wir nicht nur zu geizig, nein, wir sind auch zu Verwöhnt, um auch nur hundert Kilometer über die Autobahn abzukürzen. Und das alles trotz immer noch miesesten Wetters. Also ab nach Klagenfurt. Kurz hinter der Grenze wird das Wetter auch endlich wieder besser. Regenkombi wieder aus, der Körper kann endlich wieder atmen. Dann eine Kaffeepause in einer Hells Angels Kneipe und wieder weiter hetzen. Nach der Zugfahrt mit der Tauernbahn finden wir hinter Bad Gastein ein uriges Zimmer mit Frühstück. Das erste Mal wieder duschen.

Raketenwissenschaft: In der Uni lernt man das manuelle Feuer machen einfach nicht mehr...

Der Wirt ist ein österreichisches Original. Auf einer, laut seiner Aussage, 100 Jahre alten Ziehharmonika spielt er furios – und schenkt uns zu seiner Freude ordentlich Zipfer und Marillenschnaps ein. Die Einladung, einen Tag länger zu bleiben und beim Dorffest mitzufeiern, lassen wir glücklicherweise sausen, so besoffen wie wir irgendwann sind.

Am morgen können wir uns wieder ohne Regenschutz auf die Straße trauen. Noch wirkt das Wetter sehr freundlich, die Sonne scheint durch grau-blaue Wolkenfetzen. Salzburg wird durchfahren, ohne es großartig wahrzunehmen. Die Zeit rast in etwa genauso wie wir selber. Insofern ist es auch kaum verwunderlich, dass wir den Grenzübergang so gut wie nicht realisieren. Kurz vor München entscheiden wir uns einmal mehr dazu, die Regencapes überzulegen. Bei den aufziehenden Wolken östlich und westlich von uns ist das keine dumme Idee. Nur wohin jetzt? Wir sind schon ziemlich ausgelaugt von der Strecke. Immerhin liegen bereits weit über 2.000 Kilometer hinter uns - in nur drei Tagen, versteht sich. Es steht im Raum nach Mainz zu fahren, zu Bekannten. Das verwerfen wir, nachdem wir dort niemanden erreichen. Also wieder nach Norden, in Richtung tiefstes Ruhrgebiet. Heimat.

Das Ganze Dilemma begreifen wir erst, als wir wieder Daheim ankommen. So viel Action hatten wir beide an einem langen Wochenende selten, sind wir uns sicher. Dann stehen die Mopeds wieder in der Garage, dreckig wie selten.