Logbuch 4: Wandertag

Veröffentlicht am 25. Juni 2015

Von Moritz Schwertner (Text & Fotos)

Die Füße schmerzen, die Oberschenkel geben widerwillig den von mir gewollten Bewegungen nach. Zum ersten Mal seit Jahren frage ich meinen Vater, ob wir denn jetzt bald mal da sind. “Da drüben! Siehst du den Turm da?” fragt, er ist dabei ganz aus dem Häuschen. Ich knurre ein “Ja”, halb aus meinem Mund, halb aus meiner Magengegend. “Das ist der Ettelsberg in Willingen.”. Mir dämmert es langsam, wo wir uns befinden: Eine geschätzte Ewigkeit entfernt von unserem Zuhause für dieses Wochenende, dem Campingplatz in Bruchhausen, nahe Olsberg.

Es ist ende Mai im Jahr des Weltuntergangs, die Sonne brennt auf unseren unbedeckten Köpfen, die Hunde hecheln wie sonst was – kurzum: Es ist warm. Sehr warm. Was liegt also näher, als sich mal gehörig die Füße zu vertreten? Wir starten etwa zur Mittagszeit von unserem Familien-Ferien-Domizil im beschaulichen Bruchhausen. Die ersten gut 1.5 Kilometer laufen sich angenehm wie sonst auch. Es ist eine mir hinreichend bekannte Strecke, schon in Kindheitstagen bin ich hier mit Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Schlitten im Winter her geradelt, gelaufen und gerutscht. Alles “easy” bis hier hin.

Das ändert sich aber schlagartig, als wir dann vom Weg abbiegen und, Schande über unser Haupt!, querfeldein durch den Wald nach oben gehen, eher steigen. Eine Abkürzung, wie mein Vater mir in treuer Manier zu versichern versucht. Also aufwärts. Es ist keineswegs untertrieben nach diesem Marsch, durch den Wald mit seinen an hochalpine Gebiete erinnernde Steigungen, zu berichten, dass wir danach ziemlich nass geschwitzt waren. Ein kurzer Blick nach unten in Richtung Tal verrät auch wieso: Im Skigebiet wäre das wohl eine schwarze Piste gewesen.

Aber weiter, weiter Richtung Hochheide – unser Teilziel für heute. Dazu durchqueren wir, umgeben, ja fast schon umschlungen von Tannen und allerlei anderem Gehölz, an frühe Disney-Filmklassiker erinnernde Schauplätze. Von einer malerisch von der Sonne ins rechte Licht gesetzten Lichtung zur anderen. Man kann noch so muffig sein nach dieser anfänglichen Tortur – spätestens hier wird einem warm ums Herz (wenn dem nicht vorher schon durch Schweiß oder Hitze so ist).

An einer alten Skiroute vorbei (jedenfalls war sie das für mich in meiner frühen Kindheit) kommen wir dann wieder auf eine große Lichtung. Nicht irgendeine, nein, wir befinden uns geradewegs auf einer im Winter recht stark frequentierten Skipiste. Der Sterndrodt, mittlerweile ein “Erlebnisberg” (verspricht jedenfalls die Info-Broschüre), auf dem wir uns befinden, oder stehen, oder was auch immer, lädt zum kurzzeitigen Verschnaufen ein. Den “Mörderausblick” in bester Sauerlandmanier gibt’s kostenlos noch dazu. Hier kann man das erste Mal recht genau abschätzen, dass man schon einige Kilometer in Richtung Süd-Osten hinter sich gebracht hat. Ein erstes Erfolgsergebnis für den nicht so wanderfesten Städter.

Das Wandergebiet:

Der Artikel erschien bereits 2013 unter dem Titel "Bis dass die Füße bluten..." in meinem Blog-Projekt "Der Blickwinkel".

Kurz darauf verschwinden wir wieder in einem hübsch anzusehenden Nadelwald. Ein schattiges Plätzchen, welcher mit schlammhaltigen Pfützen nur so durchsetzt ist. Gut möglich dass diese einmal von einem Förster mit seinem Geländewagen in den Waldboden gefräst wurden. Jedenfalls animiert es einen die letzten Energiereserven kurzzeitig in ein wildes Hin und Her springen zu investieren. Oder man geht einfach, faul wie eh und je, mitten durch die Pfützen durch – so wie meine beiden Jack Russel Terrier es mir vormachen. Einige Pilzsorten schießen hier und da aus dem Boden, Moos breitet sich großflächig aus. Und dann ist da diese Stille. Diese unheimliche Stille. Ist man sonst gewöhnt ständig etwas nebenher zu hören, so wird man hier fast schon enttäuscht. Ab und an hört man mal ein leises rascheln in der Ferne, ein Zirpen. Manchmal aber auch nur ein Privatkonzert kleiner Vögel. Aber ansonsten: Stille. Kaum vorstellbar dieser Zeit und erst recht nicht mit der vermeintlichen Stille zu Hause zu vergleichen.

Langsam wird’s wieder heller, die Sonne kommt raus; und was ich, aus dem Wald gekommen, erspähe, erschreckt mich schon ziemlich. Eine ganze Lichtung, mehrere Fußballfelder groß, vollständig abgeholzt. Kyrill, der Orkan aus dem Januar 2007, kommt zurück ins Gedächtnis. Windgeschwindigkeiten von bis zu 225 km/h spielten zwischen dem 18. und 19. Januar ein Spiel mit den Bäumen, das sie nur verlieren konnten. Was nun vor mir liegt, erinnert seltsamerweise auch erschreckend an Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg. Nur eben viel aufgeräumter. Ein bleibender Eindruck für die, die immer gedacht haben, dass Naturgewalten nicht der Rede wert sind.

Und dennoch laufen wir einfach weiter – der Durst jagt uns den gefühlt endlosen Weg durch die Beinahe-Prärie links und rechts von uns. Zum ersten Mal auf diesem Spaziergang bekommen wir auch mal wieder frei lebende Menschen zu Gesicht. Rentner, mit Stöcken bewaffnet, und todesmutige Mountainbiker queren vereinzelt unseren Weg. An der Hütte angekommen erinnert einen die Stimmung an Tante Gertrudes 80. Geburtstag. Kuchen, im Hintergrund dudelt irgendwo schlechter Schlager, kein Alkohol, kleine “Fiffies” die permanent nerven, lediglich die zwei, drei Fahrradfahrer passen nicht ins Bild. Das bestellte alkoholfreie Weizen ist wie versprochen kalt und feuchtet die trockene Kehle soweit an das Wir nach einer kurzen Verschnaufpause auch wieder unsere Beine in die Hand nehmen können – und lassen damit die Rentner wieder Rentner sein. Den Kuchenvorrat hatten sie eh bereits vollends vernichtet.

Einige Minuten später stehen wir auf dem vorläufigen Höhepunkt unserer kurzen Reise: einen kleinen Hügel, mitten in der Hochheide. Ein unglaubliches Panorama mit einem schier unendlich wirkendem Rundblick breitet sich vor uns aus. Kein IMAX-Kino auf diesem Planeten kann diese Weite so scharf und detailgenau wiedergeben wie das, was wir an diesem Tag vor uns sehen. Zwar hängen einzelne Wolken vor uns, störend wirkt allerdings davon nicht eine einzige. Ein Ort, der zum nachdenken und ausgiebigen Pausieren nur so einlädt.

Wurzeln schlagen ist trotzdem nicht erlaubt: Wir wollen ja schließlich noch weiter. Immerhin haben wir an diesem Punkt bereits knapp die Hälfte des Weges hinter uns gebracht. Was nun aber noch folgt, ist eine sehr eigenartige, aber vor allem einzigartige, Steppe; die sogenannte Hochheide. Der Boden ist nur so von Gestrüpp bedeckt, alles ist wundersam grün mit Tupfern aus Purpur, nur vereinzelt stehen ein paar Bäume wie versehentliche Kleckse in der unbefleckten Natur. Eine echte Tundra eben, aber eben mitten im Sauerland. Entstanden ist diese vor rund 10.000 Jahren durch das besondere Klima mit Wind und Schnee in Verbund mit besonders kargen Böden.

Für den Rückweg wählen wir eine Route die uns an den “Bruchhauser Steinen” vorbeibringen soll, also laufen wir den bekannten “Rothaarsteig” (wenn auch nur teilweise) entlang. Und siehe da, kurz vor dem letzten Abstieg, auf einem abgelegenen Feld- und Forstweg dann das: ein noch recht junger Fuchs nagt, in relativ sicherer Distanz, vor uns an einer erbeuteten Blindschleiche. Für einen kurzen Augenblick schaut er dann auch in unsere Richtung – um daraufhin wieder im Gestrüpp zu verschwinden. Neid macht sich breit, schließlich haben wir alle, die Hunde eingeschlossen, Hunger. Also, ein letztes Mal, sich etwas beeilen. So vergehen dann auch die letzten (Kilo-) Meter wie im Flug.

Was von so einem Tag bleibt, sind weder die Schmerzen, noch die anfängliche Schlaffheit, noch sonst etwas Negatives. Vielmehr bleibt einem die wohlige Gewissheit etwas geschafft zu haben, eine Mörderstrecke von 18 Kilometern abgelaufen zu sein und tatsächlich mal etwas Echtes erlebt zu haben. Die wunderschöne Landschaft dabei zu erforschen, mal hier und da stehen zu bleiben, ist dabei das oft beschriebene “I-Tüpfelchen”. Besser als jeder Film, schärfer als jede Fotografie. Schmerzende Füße vom Marsch? Geschenkt!

Für Nachahmer:

Man sollte unbedingt Verpflegung mitnehmen. Lieber etwas mehr einpacken, als später quengelnde Mitreisende ertragen zu müssen. Auch eine Wanderkarte samt Kompass ist empfehlenswert, durch die Dichte an Beschilderungen auf den Wanderwegen im Sauerland aber nicht zwingend erforderlich. Festes Schuhwerk und vernünftige Socken sind definitiv von Vorteil, eine bequeme Hose ebenso. Viel Zeit mitzubringen ist definitiv von Vorteil. Eine Kamera darf auf gar keinen Fall fehlen!

Weiterführende Informationen:

Sauerland-Tourismus e.V.

www.sauerland.com