„Die schönsten Touren liegen vor der Haustür“ — ob das auch für den beliebten Rothaarsteig durch Sauer- und Siegerland zutrifft? Ich habe es ausprobiert.
Heimaturlaub: Das klang für mich jahrelang so erstrebenswert wie eine Grippe. Dass dann ausgerechnet ein grippeähnlicher Virus mich genau dazu zwingen sollte, das war schon irgendwie absurd. Es ist Januar 2021, als ich mit meinem Studienkumpel Florian den jährlichen gemeinsamen Urlaub plane. Doch statt den obligatorischen Motorradstiefeln wollen wir unsere Wanderschuhe der unübersichtlichen Reisesituation wegen aus dem Schrank holen.

Uns hat es der rund 155 Kilometer lange Rothaarsteig angetan. Dieser startet in Brilon, quasi im Herzen des Sauerlands in Nordrhein Westfalen, und endet in Dillenburg kurz vor dem Westerwald. Ein naheliegender Heimaturlaub für uns zwei Ruhrpottler: Flo kommt aus Essen, ich aus Bochum. Dank meiner einstigen Wochenendbleibe in Bruchhausen, ganz in der Nähe vom Startpunkt in Brilon, kenne ich die ersten zwei Etappen sogar ganz gut. Viel planen müssen wir überdies nicht: Dank Wanderpauschale kümmert sich der Rothaar-Verein um die Unterbringung, wir müssen nur von A nach B laufen und brauchen uns bis auf den abendlichen Deckel in der Kneipe um nichts zu kümmern.
Und da wir dank Gepäcktransfer leicht wandern können, entscheiden wir uns für die „sportliche Variante“ mit sechs Wandertagen. Dennoch: Jeden Tag 30 Kilometer Fußmarsch stellt für uns Schreibtischtäter eine veritable Herausforderung dar. Für Nachahmer gibt es den Rothaarsteig aber auch in acht oder 12 Etappen zu erleben. Was auch gar keine doofe Idee ist: Das Höhenprofil gleicht einem Sägeblatt, im Schnitt kommen bei der sportlichen Variante 500 Höhenmetern aufwärts am Tag zusammen. Aber: Wir haben schon Verrückteres zusammen gewuppt. Wenn auch eben nicht zu Fuß.

Ende Juli treffen wir uns nachmittags an der Jugendherberge in Brilon. Und werden noch vor Tour-Start von aus der Ferne wummernder Rockmusik auf Abwege geführt: Ein kleines Punk-Festival, Luftlinie keine 100 Meter von unserem Startpunkt entfernt, lädt zum Rachenanfeuchten. Herrlich. Sorge vor solchen Umwegen muss man aber kaum haben: Der Rothaarsteig ist äußerst üppig beschildert, verlaufen kann man sich nur mit Vorsatz.
Doch während Festival-Freund Flo die Party-Einlage prima wegsteckt, starte ich mit krassem Handicap in den ersten Wandertag. Wo er sich fröhlich am Frühstücks-Büffet der modernen Jugendherberge bedienen kann, bin ich es leider noch… Und gleich beim Tritt vor die Herbergstür verwünsche ich den exzessiven Vorabend: Der Rothaarsteig wartet gleich zu Beginn nämlich mit der anspruchsvollsten Etappe auf.

Schnaufend und fluchend geht es hinauf. Und hinab. Und wieder hinauf. Derweil freut Flo sich diebisch ob meines Fitness-Zustands, war ich sonst eigentlich immer der Fittere von uns beiden. Doch die Plackerei lohnt sich. Bestes Beispiel: Der Ginsterkopf mit Blick auf die bis zu 90 Meter hohen Felsen der Bruchhauser Steine. Schade nur, dass der Rothaarsteig deutlich unterhalb von ihnen entlangführt. Die „Steine“ sind nämlich alleine wegen der gigantischen Aussicht von ihrem höchsten Felsen aus, dem Feldstein, einen Trip ins Sauerland wert. Für einen Abstecher müssten wir noch einmal knapp 250 Höhenmeter draufpacken – was auch Flo trotz seiner Beteuerung heute garantiert nicht mehr schaffen würde.
Denn insgesamt ist die erste Etappe mit ihren 23 Kilometern zwar eine der kürzesten – mit 690 Höhenmeter bis zum Richtplatz aber die höhenmeterreichste. Der namensgebende Endpunkt war übrigens tatsächlich jahrhundertelang die Gerichtsstätte des Gaugerichts Medebach, heute verläuft hier friedlich die Grenze zwischen NRW und Hessen. Doch angekommen hält sich selbst bei Flo die Freude in Grenzen: Von hier aus müssen wir noch per Zubringer hinunter zum Hotel nach Willingen.

Dass wir uns die Tortur hätten sparen können, fällt uns allerdings erst am folgenden Morgen auf. Der Wirt des Naturhotels kutschiert uns dankenswerterweise per VW-Bus wieder hoch zum eigentlichen Endpunkt des Vortages. So gehts entspannt, gut genährt und mit frischen Beinen oberhalb der Willinger Sommerrodelbahn zum höchsten Punkt NRWs. Dieser ist nicht wie vielfach angenommen der Kahle Asten in Winterberg, sondern der zwei Meter höhere Langenberg. Zwar gibt es dort aufgrund des dichten Walds drumherum keine Fernsicht, dafür kann man prima auf den Bänken oder der großen Hängematte das wohlverdiente zweite Frühstück in wohltuender Stille einnehmen. Doch die Pause sparen wir uns noch etwas auf.
Keine Dreiviertelstunde später führt der Weg auf eine pittoresk lila gespickten Lichtung: Die Hochheide in Niedersfeld. 57 Hektar misst die größte Bergheide Europas hier — und sticht dank Naturschutz auch heute noch farblich aus dem sonst eher erdig-grünen Sauerland hervor. Auch kulinarisch gibt es hier einen Kessel Buntes: Kuchen oder deftige deutsche Küche serviert man in der Hochheide-Hütte. Obacht aber, denn besonders an sonnigen Wochenenden ist der Kuchen so beliebt wie die umliegenden Skipisten im Winter. „Endlich Mittag!“ freut sich mein gut genährter Kompagnon – und auch mir schmeckt der eiskalte Hopfen-Smoothie wieder.

Von Winterberg aus läuft man an der bekannten Sankt-Georg-Sprungschanze vorbei und schlängelt sich gemütlich den Kahlen Asten hinauf. Oben angekommen soll man an klaren Tagen sogar den Brocken im Harz erspähen können. Doch trotz klarem Morgen kriegen wir ihn nicht zu Gesicht, das extra per WhatsApp eingeforderte Fernglas hat mein Kollege gut gesichert im Auto liegen lassen. Man merke: Wir haben noch viel auf dieser Wanderung zu lernen. Wenig später entschädigt immerhin die einmal mehr farbenfrohe Heidelandschaft für seine Vergesslichkeit, ehe es zur Lenne-Quelle geht.
Endlich im verschlafenen Etappenziel-Dorf Jagdhaus angekommen bin ich so fertig, dass ich im Eifer des Gefechts statt der Zahnpasta Voltaren auf der Bürste verteile — sehr zur Belustigung meiner Reisebegleitung, der zur Strafe wenig später immerhin Blasen an den Füßen feststellen muss. Linderung lässt zum Glück nicht lange auf sich warten: Die Strapazen des Tages werden im Hotel Schäferhof mit einer Sauna samt Panorama-Ausblick fürstlich entlohnt – und auch das Abendessen ist eine Ode für Karnivore wie uns.

Der neue Morgen begrüßt uns mit einem dicht bewölkten Himmel und feinstem Nieselregen. Dank der heißen letzten Tage dampft der Wald herrlich und verzückt uns auf dem Weg zum Rhein-Weser-Turm das eine ums andere Mal mit dichten Nebelwänden in der Ferne – malerisch ist kein Ausdruck. Endlich darf Kollege Flo auch seine extra gekauften Regencapes auspacken und sich freuen, dass die dicken Planen das Wasser prima abhalten. Schmerzfrei wie er ist, merkt er dabei gar nicht, dass wir uns darunter totschwitzen. Viel ärgerlicher: Vermutlich wegen unseres konstanten Geraschels kriegen wir nicht einen der in der Region frei lebenden Wisente an diesem Morgen zu Gesicht.

Dafür entschädigt einmal mehr die Szenerie, auch wenn aus den meist kleineren Pfaden der ersten beiden Etappen-Tage immer öfter breite Forstwege werden. Sehr zum Unmut Florians: Waldwege laufen sich schmerzfreier, als Forst-Autobahnen. Zum Ende des Tages wandern durch die Ginsberger Heide mit der namensgebenden Ginsburg. Hier sammelte Wilhelm von Oranien einst seine Truppen für den Freiheitskampf. Wir kämpfen uns lieber die Steintreppen empor und genießen den Ausblick und stoßen im Sonnenuntergang einmal mehr mit unserem Lieblingsgetränk an.
Mittlerweile fühlen wir uns „gut eingelaufen“. Ob es an den kalten Fußbädern in den jungen Ausläufern von Lahn, Sieg und Eder liegt? An ersterer laufen wir flussaufwärts durch das Naturschutzgebiet Eichenwald, ehe man das Hochmoor an der Ederquelle passiert. Wenig später kommt uns die Sieg-Quelle der Hitze wegen einmal mehr sehr gelegen, Florians Hitzkopf dampft förmlich unter dem eiskalten Quellwasser. Einmal mehr machen uns die letzten Meter Asphalt des Zubringers reichlich zu schaffen. Sonst eigentlich um keine Pause verlegen, rennt Florian deshalb an der aufwändig restaurierten Wasserburg in Hainchen vorbei und ist am Abend froh, die Beine etwas eher in die Horizontale verfrachten zu können.

Kein Wunder, denn der letzte Tag steht an. Vom Gasthof Jokebes aus fährt uns dieses Mal der Vater des Wirts freundlicherweise den Zubringer hinauf und erzählt uns aus seinem Leben — und den allgegenwärtigen Problemen mit dem Borkenkäfer. Die vergangenen, äußerst trockenen Sommer haben das Schädlings-Problem in unseren Laienaugen förmlich explodieren lassen. Mittlerweile erstrecken sich durch das gesamte Sauer- und Siegerland an jeder Ecke riesige Lichtungen, im Wald herrscht an manchen Stellen Hochbetrieb ob der Fällarbeiten. Eine Entwicklung, die nicht nur uns Sorgen bereitet.
Auch wenn das Thema Waldsterben unweigerlich aufs Gemüt drückt: Wenig später verzückt mit der Aussichtsplattform „Nase im Wind“ der Rothaarsteig aufs Neue. Mir fällt beim in die Ferne blicken einmal mehr auf wie froh ich bin, nach eineinhalb Jahren Distanz mit meinem Kumpel einfach mal ungestört und ohne Pandemie im Nacken über Gott und die Welt quatschen zu können — und mal nicht von WhatsApp, E-Mails oder anderen Ablenkungen aus dem Urlaub gerissen zu werden.

Umso ärgerlicher, als wir zur Mittagszeit aus dem Wald treten und in der Ferne bereits den Wilhelmsturm in Dillenburg erspähen können. Steil kraxeln wir hier ein letztes Mal hinauf in den dichten Wald. Ein letztes Mal die Stille und die Kühle des Blätterdachs genießen. Ein kurzer Marsch noch, dann ist dieser Urlaub in den allerletzten Zügen. Etwas ungläubig schauen wir von der Adolfshöhe aus auf den nun in greifbarer Nähe in der Abendsonne glühenden Wilhelmsturm. Und einmal mehr überrascht mein Kollege: Der sonst so tapfer marschierende Flo gibt offen zu, glücklich, aber sehr müde zu sein.
Und ich muss lachen: Mir geht es genauso. Zeit, das mit einem Bier zu feiern.
Info Diese Reisereportage erschien 2022 unter dem Titel „Heimaturlaub“ im Outdoor Magazin.